Wer wohnt hier?

\Wer wohnt hier?

Wer wohnt hier?

Nachmittag. Wir sind vom Sport wieder da. Die Prinzessin übt Flöte spielen für ihre AG. Der Liebste und ich stehen in der Küche und bereiten das Abendessen zu. Es klingelt. Da es die Innenklingel ist, wird wahrscheinlich Lady Gagga vor der Tür stehen. Der Liebste geht runter…

Lady Gagga: Sag mal, muss das sein? Dieses Geflöte da oben?!
der Liebste: Oma, das ist die Kurze. Sie muss üben. Für die Schule. 
Lady Gagga: Kann die das denn nicht zu Hause machen?
der Liebste: Äh. Oma? Sie wohnt hier. Wir alle wohnen hier.
Lady Gagga: Aha. Davon weiß ich aber nichts!
der Liebste: Oma, seit Juli 2011. Ein halbes Jahr schon. Es ist alles in Ordnung. 

Es ist nicht das erste Mal. Und wird wohl auch nicht das letzte Mal sein.
Frau Schwiegermonster erzählte bereits häufiger, dass Lady Gagga sie fragte, was denn oben für ein Krach sei. Da wäre doch jemand. Frau Schwiegermonster erklärte ihr dann, dass der Liebste doch da wohne, woraufhin Lady Gagga sagte „Aber, das sind mehrere. Ich höre das. Mehr als nur Einer!“. Diese Dialoge kamen schon öfter vor. Bislang bekamen wir das so nicht mit, nicht so intensiv.
Doch das war am Nachmittag, abends gegen 20 Uhr ging es weiter. Die Prinzessin lag im Bett, ich kam aus dem Badezimmer und der Liebste kam eben die Treppe hoch.

Lady Gagga: Sag mal, findest Du das eigentlich in Ordnung?
der Liebste: Was denn, Oma?
Lady Gagga: Da einfach Leute mitzubringen!?
der Liebste: Oma, das ist meine Freundin und ihre Tochter. Wir wohnen schon seit Juli 2011 hier.
Lady Gagga: Weiß ich nichts von!
der Liebste: Oma, wir haben einen Mietvertrag und zahlen jeden Monat unsere Miete.
Lady Gagga: Ist das von mir aus oder von Frau Schwiegermonster?
der Liebste: Oma, DU hast unterschrieben!
Lady Gagga: Ach, das muss mir so durchgegangen sein.

Ganz ehrlich? Witzig ist das nicht wirklich, auch wenn sich das im ersten Moment vielleicht so ließt. Der Liebste und ich sind schockiert! Mittlerweile fehlen der armen Frau bereits über 2 Jahre. 2 volle Jahre! Stell sich das mal einer vor! 2 Jahre, einfach weg! Als wären sie nie dagewesen!
Ich würde nicht an ihrer Stelle sein wollen und hoffe ganz inständig, dass mir so etwas im Alter nicht passiert.
Wie grausam muss das sein? Man steht da, in seinem Haus, hört oben Schritte, Menschen die sich bewegen, leben und weiß überhaupt nicht, was das soll. Da oben wohnt doch niemand? Aufgebracht will man hoch. Doch was ist das? Eine Klingel?! Dann klingelt man. Wartet. Der Enkel öffnet. Man fragt, was los ist und der Enkel erklärt. Was er sagt, sagt einem aber nichts. Man glaubt „Was für ein Quatsch, das wüsste ich doch!“ und stellt fest: Er hat Recht. Es muss so sein. Was ist mit mir los? Warum weiß ich nichts davon? Was soll das?
Eine ganz schreckliche Vorstellung! Ich mag gar nicht daran denken, wie es ihr wohl geht. Wie ihr langsam alles fremd wird. Wie sie sich langsam aufhört an die Menschen um sie herum zu erinnern. Noch hat sie „nur“ die Prinzessin und mich vergessen. Wahrscheinlich die Postboten, Schornsteinfeger und die Putzfee auch. Aber was ist, wenn sie ihren Enkel vergisst? Ihre Tochter? Ihr Haus und auch den Rest ihres Lebens? Was dann?

😥

Von | 2012-01-10T22:23:30+00:00 Dienstag, 10. Januar 2012|Kategorien: Familienalltag|Tags: , , , , |8 Kommentare

Über den Autor:

Die Alltagsheldin heißt im echten Leben Tanja, ist 31 Jahre alt und lebt mit dem einen Mann, ihren Kindern Nina (09/04), Lotte (05/15) und Jona (01/17) im Sauerland. Sie hat ihr Abitur nachgeholt, studiert nun was Soziales und jongliert zwischen Uni und der Familie - mal mehr, mal weniger erfolgreich.

8 Kommentare

  1. EngelchenFiona 10. Januar 2012 um 22:40 Uhr - Antworten

    knuddel… ich glaub da brauchst du dir keine gedanken machen, sie wird darüber nicht lange genug nachdenken
    klingt jetzt vielleicht blöd, aber meine omi hat mich mehr oder weniger schon vergessen, teilweise bin ich ihre tochter, sie weiß das ich zur familie gehöre und manchmal da gibt es richtig lichte momente, da sieht man diesen funken in ihren augen, dann redet sie und erzählt
    geholfen haben ihr puzzel und bastelarbeiten, da ist sie nochmal richtig aufgelebt
    aber man muss auf jeden fall auf sie aufpassen, einmal ist sie dem opi ausgebüchst und hat sich, glücklicherweise muss man sagen, in der einkaufspassage vor dem wohnheim verlaufen, da kennt man die beiden schon und hat sie heim gebracht
    sie weiß davon nichts, hat sich aber über die netten leute gefreut
    bleib einfach freundlich zu ihr
    ich denk ein lächeln hilft ihr über die ängste schnell hinweg, auch wenn es schwer ist

    lg
    fio

  2. Katinka 11. Januar 2012 um 13:55 Uhr - Antworten

    Hallo Tanja,
    ohjee….das tut mir wirklich leid!
    Nein, lustig ist das sicher nicht, ich kann mir vorstellen, dass ihr Euch da viele Gedanken macht.
    Man kann nur hoffen, dass es nicht so schnell immer schlimmer wird!

    Liebe Grüße
    Katinka

  3. Sabrina 11. Januar 2012 um 14:57 Uhr - Antworten

    Ich stell mir das grausam vor, sie muss doch jedesmal total erschreckt sein. Aber Mutig auch. Ich glaube wenn ich nicht „wüsste“ das da oben wer wohnt , ich würde die Polizei rufen. Also denke ich das irgendwo in ihr drin schon die Gewissheit ist das das was oben passiert so richtig ist.
    Ich hoffe einfach auch das uns oder meine Mama oder andern das erspart bleibt. Es ist echt traurig anzusehen wenn ein geliebter Mensch zerfällt. Eine Freundin hat es bei einer Urtante mitgemacht =(

  4. windgefluester 11. Januar 2012 um 15:57 Uhr - Antworten

    oh mann das ist wirklich sehr schrecklich fuer alle, vorallem fuer „oma“ natuerlich 🙁 sie muss ja auch angst haben wenn sie ploetzlich geraeusche oben hoert und so 🙁

  5. Anja 11. Januar 2012 um 17:08 Uhr - Antworten

    och mensch Tanja das ist echt nicht schön…die arme Frau…ich stell mir das auch sehr schlimm vor vorallem für euch,aber ich denke auch sie selbst wird da gar nicht lang genug drüber nachdenken.

    lg Anja

  6. Rory 12. Januar 2012 um 11:43 Uhr - Antworten

    Im ersten Moment habe ich wirklich gegrinst … aber das muss wirklich furchtbar sein.
    Auch für Euch, denn sie wird bestimmt immer wieder fragen,wer Ihr seid, und was der Krach soll!

  7. Ellen 17. Januar 2012 um 03:23 Uhr - Antworten

    Es ist eine sehr komplizierte Situation, und ihr braucht ja endloses Geduld dazu. Die Hoffnung habt ihr leider nicht, dass es einmal besser wird. Ich weiss wovon ich rede, ich war in der selben Situation 10 Jahre lang. Ich könnte mir kaum vorstellen, wie es für den Alten sein kann. Aber die wichtigste: einmal werden wir auch alt sein, und das kann jedem passieren. Und hoffentlich werden unsere Kinder/Enkelkinder auch um uns kümmern.

  8. Alltagsheldin 17. Januar 2012 um 22:43 Uhr - Antworten

    Ja, auf der einen Seite hoffe ich auch, dass sie sich da selbst keine Gedanken macht. Auf der anderen Seite machen wir sie uns dennoch…
    Die Situation ist schrecklich… Und ich weiß, dass es schlimmer wird.
    Meine Oma hatte auch Demenz und aus einem absolut lieben und liebenswerten Menschen wurde in relativ kurzer Zeit eine kratzbürstige, aber leblose Hülle – sowas grausames 🙁

Hinterlassen Sie einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: