Der Tod – so fern und dann doch nah.

\Der Tod – so fern und dann doch nah.

Der Tod – so fern und dann doch nah.

Manchmal überschlagen sich die Ereignisse. Wie heute. Erst bekam ich eine Nachricht meiner Schwester,dann schrieb Freund 1.0, er müsse mit mir reden. Beim Telefonat eröffnete er mir, mein Bruder sei gestorben. Selbstmord.
Wums. Ein Schock. Ich konnte es gar nicht glauben, wusste nicht, welchen meiner Brüder er meinte, da zwei den selben Namen tragen. Dann kamen Zweifel auf, ob das denn wahr sein kann. Er hatte die Nachricht von meiner Cousine. Um 3 Ecken also. Ich rief dann bei der Polizei an. Weil ich es gar nicht glauben konnte, es für einen – zugegeben sehr schlechten – Scherz hielt. Die Beamten reichten mich herum und dann bekam ich die Bestätigung. Allerdings konnten mir keine weiteren Infos geben werden, weil alles noch offen war.
Etwas später rief der Beamte an, der den Fall bearbeitete. Er war sehr freundlich und behutsam, erklärte und erzählte einiges. Und seitdem kann ich nicht mehr an mich halten, weiß gar nicht, was ich machen soll, wie ich das verstehen soll, kann es eigentlich immer noch gar nicht glauben.
Er war 25. Fünfundzwanzig. Das ist doch kein Alter. Wirklich nicht! Er hatte sein halbes Leben noch vor sich. Mindestens. Und dann bringt er sich einfach um?
Meine Gedanken kreisen. Ich finde es so traurig zu wissen, dass er verzweifelt war, dass er einsam war, dass er keinen anderen Ausweg sah, als seinem Leben ein Ende zu bereiten. Warum? Warum hat er sich nicht gemeldet? Vertraute er uns – mir! – so wenig? Wusste er denn nicht, dass hier immer eine Tür für ihn offen steht? Dass er immer Hilfe bekommt, egal was ist?

Er hatte es schwer. Schon immer. Er sah unsere Mutter sterben. Er hatte Schwierigkeiten mit der Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland (obwohl wir Geschwister sind!). Er fand unseren Vater tot in der Wohnung. Er fand keine Ausbildung. Hatte niemanden. Nur mich. Und ich ihn.
Zweimal wohnte er schon bei mir. Er war ruhig und in sich gekehrt, aber immer freundlich, nett und aufgeschlossen. Er war lange mein bester Freund, wusste alles was mich bewegte und besprach umgekehrt alles mit mir. Als wir vor fast 3 Jahren ins Sauerland zogen, halfen wir ihm bei der Wohnungssuche, vermachten ihm einige Möbel und organisierten mit ihm seinen Umzug. Danach gab es kaum Kontakt, nur noch Glückwünsche zu Geburtstagen, Weihnachts- und Neujahrsgrüße. Ich dachte, er habe sein Leben im Griff. Wäre fest angestellt worden, hätte weiterhin seine Bude und ein gutes Leben. Doch weit gefehlt. Wie ich heute erfuhr. Stattdessen wurde er nicht übernommen. Er hatte hier und da kleinere Jobs und versuchte sich über Wasser zu halten, konnte seine Miete aber immer öfter nicht zahlen und flog aus der Wohnung. Er wohnte hier und da. Mal bei Freunden. Mal wieder in einer eigenen Wohnung.
Letzte Nacht schrieb er seinen Freunden einen Abschiedsbrief, der sehr positiv geschrieben war. Der Gesamtton war, dass alles nun seinen Frieden finden würde. Daraufhin wurde er gesucht. Mit Hubschraubern und allem drum und dran, aber nicht gefunden. Kurz nach Mitternacht war es dann geschehen…

Mir fehlen nach wie vor die Worte. Ich kann gar nicht beschreiben, was ich fühle. Es tut mir für ihn so wahnsinnig leid. Er war ein kluger Kopf, hätte so viel aus sich machen können.
Es macht mich unsagbar traurig zu wissen, dass es ihm so schlecht ging. Dass er keinen anderen Ausweg sah. Dass er da einsam und alleine war, seinen Tod plante und durchführte. So eine bewusste Handlung. So grausam. So endgültig.
Ich werde ihn vermissen. Sehr. Auch wenn wir zuletzt kaum Kontakt hatten, so war er immer ein Teil meines Lebens. Ein Teil von mir. Mein kleiner Bruder. Alles, was ich an Familie noch hatte. Es hieß immer „Wir gegen den Rest der Welt“ – und jetzt? Jetzt ist er nicht mehr da. Er hat aufgegeben. Einfach so.
Er hinterlässt eine Schwester, der er unheimlich viel bedeutet und die ihn sehr vermissen wird. Eine Nichte, die ihr Önkelchen vergötterte. Eine Lücke im Leben seiner Freunde. Und die große Frage: Warum?

Von | 2014-04-01T23:37:18+00:00 Dienstag, 1. April 2014|Kategorien: IchIchIch, Seelentherapie|Tags: , , , |13 Kommentare

Über den Autor:

Die Alltagsheldin heißt im echten Leben Tanja, ist 31 Jahre alt und lebt mit dem einen Mann, ihren Kindern Nina (09/04), Lotte (05/15) und Jona (01/17) im Sauerland. Sie hat ihr Abitur nachgeholt, studiert nun was Soziales und jongliert zwischen Uni und der Familie – mal mehr, mal weniger erfolgreich.

13 Kommentare

  1. Marlen 1. April 2014 um 23:54 Uhr - Antworten

    Oh Gott, Tanja… das tut mir so unsagbar leid. Weiß gar nicht, was ich sagen soll… es tut mir einfach nur leid und macht mich sehr traurig. Fühl Dich gedrückt!

  2. AnjaSchlueter 2. April 2014 um 00:16 Uhr - Antworten

    <3

  3. Frl. Null.Zwo 2. April 2014 um 07:14 Uhr - Antworten

    Am frühen Morgen Tränen in meinen Augen.
    So vieles, was mir so bekannt vorkommt:
    diese Ungläubigkeit, ob es wirklich wahr ist.
    Dieses Nicht- Verstehen- Können, was ihn zu diesem radikalen Schritt veranlasste.
    Und auch etwas Wut, warum er nichts sagte, sich nicht helfen liess, sein Leben so verschwendete, diese kostbaren Stunden und Tage und Wochen einfach nicht mehr erleben wollte.
    Entsetzen über die Endgültigkeit, die Planung und die Durchführung seiner letzten Handlung.
    Wenn ich Dir irgendwie helfen kann, dann melde Dich bitte, ja?
    Du wirst wohl die nächsten Tage etwas in Watte herumlaufen. Es wird dauern, bis es richtig angekommen ist. Lass Dir helfen umd sich Dir Halt, sonst reisst es Dich im Nachhinein um.
    Ich drück Dich!

  4. Gaby 2. April 2014 um 07:20 Uhr - Antworten

    Oh Mensch, daß tut mir soooo leid, ich drück dich mal!!!

  5. Aniba 2. April 2014 um 07:21 Uhr - Antworten

    Mein aufrichtiges Beileid..es ist so grausam und schrecklich. Ich wünsche dir viel Kraft für die kommende Zeit.

  6. Kathrin 2. April 2014 um 07:31 Uhr - Antworten

    Oh nein – OH NEIN :-O
    O gott, das tut mir so leid, das ist schrecklich. Es gibt doch immer einen Ausweg, auch in schwierigen Situationen! Es ist furchtbar, wenn jemand so verzweifelt zu sein scheint…. Ich drücke Dich ganz doll und bin mit meinen Gedanken bei Dir, liebe Tanja <3 , LG, Kati

  7. Antje 2. April 2014 um 08:49 Uhr - Antworten

    Mein herzliches Beileid 🙁

  8. Chantal 2. April 2014 um 11:09 Uhr - Antworten

    Oh nein, das tut mir schrecklich leid 🙁 Ich wünsche Dir/ Euch ganz viel Kraft für die nächste Zeit 🙁

  9. Perlenmama 3. April 2014 um 16:01 Uhr - Antworten

    Ach Mensch, arme heldin…:-( das ist echt grausam. Ich schicke dir auch nochmal hierüber viel Kraft.
    Und auch eine Bitte: Lass dir helfen, igle dich nicht ein, sei traurig, sei wütend, sei entsetzt…sonst haut es dich von hinten eiskalt um.
    Und kotz dich bei uns aus, wenn dir danach ist. Ich wünschte, ich könnte dir irgendwas abnehmen…weil ich weiss, dass die nächsten Tage und Wochen alles andere als gut werden!

    Knuff dich!

  10. Nina 4. April 2014 um 09:32 Uhr - Antworten

    Es tut mir wirklich sehr leid.

    Alles Liebe für dich
    Nina

  11. […] eine so weittragende Nachricht, wie die über den Tod meines Bruders, zu verarbeiten, braucht es Zeit. Viel Zeit. Dessen bin ich mir sicher. Gewiss bin ich heute ein […]

  12. andrea 16. Juli 2014 um 10:20 Uhr - Antworten

    mein herzliches beileid!

  13. […] April begann mit der fürchterlichen Meldung vom Tod meines Bruders. Ich organisierte die Beerdigung, wobei mich der Liebste unterstützte, wo er nur konnte. Ich sah […]

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