bedürfnisorientierte Elternschaft

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bedürfnisorientierte Elternschaft

  • Bedürfnisorientierte Elternschaft

Frau Chamalions hat – ausgelöst durch eine Twitter-Duskussion – eine Blogparade zum Thema „Bedürfnisorientierte Elternschaft“ mit der Headline

Eltern in der (Auf)-Opferungsrolle – elterliche Grenzen vs. kindliche Bedürfnisbefriedigung

gestartet und stellt die Frage, ob sich Eltern bis zur völligen Selbstaufgaufgabe opfern müssen. Wie passen elterliche Grenzen und die Befriedigung aller kindlichen Bedürfnisse zusammen? Wie viel Egoismus, Selbstaufgabe und Aufopferung sollen oder müssen Eltern erbringen? Stichwort „Glückliche Eltern = Glückliche Kinder“.
Kern der Diskussion und der Grund dafür, dass die Aussage einige Eltern vor den Kopf stieß, war die Behauptung, dass das Zurückstellen eigener Bedürfnisse und die völlige Konzentration auf das Kind zu Zeiten, in denen das Kind dies einfordert, später dazu führen würde, dass das Kind den Eltern Zeit und Raum für die Erfüllung eigener Bedürfnisse geben würde. „Mein Kind ist nun so pflegeleicht, weil ich alle Bedürfnisse erfüllt habe. Das ist kein Glück, sondern mein Verdienst.

Das Kind – Gefäß oder individuelle Persönlichkeit?

Ich bin fest davon überzeugt, dass bei dieser Fragestellung zunächst erörtert werden muss, wie das Kind als solches gesehen wird.
Sehe ich das Kind als individuellen Menschen? Sehe ich einen angeborenen, eigenen Charakter? Eine eigenständige Persönlichkeit? Oder sehe ich das Kind als Gefäß? Als kleinen Menschen, dem ich meine Wertvorstellungen einflöße?
Nur wenn ich das Kind als Gefäß sehe, welches ich als Elter stetig fülle, das ich nach meinen Wünschen und Vorstellungen forme – nur dann kann ich davon ausgehen, dass das Kind so ist, wie es ist, weil ich es dazu gemacht habe. Davon, dass es tatsächlich mein Verdienst ist.
Ich bin der Meinung, dass Kinder mit eigenem Charakter, eigenen und individuellen Talenten, als eigene kleine Persönlichkeit zur Welt kommen und wir Eltern sie zwar mit unserem Tun und unserem Vorbild beeinflussen – natürlich! – doch primär eigentlich Wegbegleiter sind.

Und wir? Bedürfnisorientierte Elternschaft – ja oder nein?

Bei der Großen Tochter habe ich mir keinerlei Gedanken um solche Dinge gemacht, muss ich gestehen. Das Baby war da, es wollte essen, eine frische Windel, getröstet und gekuschelt werden – es war ganz selbstverständlich, dass ich diese Bedürfnisse erfülle, völlig egal, ob ich noch kann oder nicht, denn eine andere Option gab es nicht. Funktionieren war da die Devise. Wie das alleinerziehend halt oft so ist.
Als sie älter wurde, mussten ihre Bedürfnisse aber auch schon mal zurück gestellt werden. Freiwillig wäre sie weder zur Tagesmutter, noch in den Kindergarten gegangen. Sie fand es auch nicht so super, 12 Stunden vom Tag betreut zu werden. Hätte ich ihr Bedürfnis, bei mir zu bleiben, erfüllt, hätte ich meine Ausbildung abbrechen müssen. Stattdessen habe ich sie priorisiert und versucht, einen Mittelweg zu finden. Unser Alltag unter der Woche war ziemlich straff organisiert und ließ kaum Raum, um beispielsweise auf dem Weg zur Tagesmutter Blümchen zu betrachten oder Steine zu sammeln. Die Große musste funktionieren. Und auch am Wochenende musste ich zunächst den Haushalt erledigen, mich um liegen gebliebenes und Hausaufgaben kümmern, bevor wir auf den Spielplatz gehen und die Zeit miteinander genießen konnten. Trotzdem war sie ein ziemlich unkompliziertes Kind, hat sich gut selbst beschäftigen können und akzeptiert, dass sie warten muss, bevor sie an der Reihe ist.

Bei der kleinen Tochter war mir noch vor ihrer Geburt klar, dass ich das Konzept des bedürfnisorientierten Umgangs verfolgen möchte. Auch den Mann musste ich nicht groß überzeugen und er war schnell mit im Boot. Mit der Geburt des Mädchens änderte sich zunächst unsere ganze Welt. Sie stand von nun an im Mittelpunkt. Haben wir sonst spontan irgendwohin fahren können, so ist nun immer der erste Check das Baby. „Ist es satt?“, „Wann hat es zuletzt geschlafen?“, „Wie ist Ihre Laune heute – können wir ihr eine Autofahrt zumuten?“ … Nicht zuletzt müssen vor jedem noch so kleinen Ausflug eine Wickeltasche gepackt, die Windelvorräte geprüft und ausreichend Nahrung vorbereitet werden. Bevor es dann tatsächlich los geht, verstreicht zumeist mind. 1 Std. – Dennoch lief der Alltag von Anfang an weiter, musste er ja. Die Große musste zur Schule, der Mann zur Uni und ich blieb die ersten Monate mit ihr Zuhause.
Als die Hebamme uns bei einem ihrer letzten Besuche sagte, wir müssten das Mädchen nun an unsere Zeiten gewöhnen und sie dahingehend „umtrainieren“, waren wir – gelinde ausgedrückt – erschrocken. Und als sie uns auf meinen Einwand hin, wir würden das gerne alles den Bedürfnissen des Babys anpassen, sagte, dass das nicht ginge und sich das Baby in die Familie integrieren müsste, wussten wir, dass unsere Ansichten hierbei nicht zueinander passen.

Bedürfnisorientiert? – die Praxis im Alltag

Ich weiß nicht, welchen Namen unser Konzept tragen müsste und es ist mir auch ziemlich egal, denn einen Namen braucht das Ganze für mich nicht. So richtig Attachment Parenting betreiben wir aber wohl nicht:
Unser Alltag ist auch aktuell straff organisiert und getaktet. Dadurch, dass sowohl der Mann, als auch ich studiere, haben wir Stundenpläne und Zeiten, die wir einhalten müssen und die reine Konzentration auf die Bedürfnisse des Mädchens im Alltag ist tatsächlich etwas schwierig. Wir schippern ein wenig zwischen dem Erfüllen ihrer Bedürfnisse und dem Wunsch, in unsren Studien voran zu kommen. Der Alltag ist straff organisiert, da muss das Mädchen manchmal einfach „durch“. Ganz gut ist hierbei, dass ihre Schlafenszeiten grob zu unseren Abfahrtzeiten passen. Mittwochs muss ich sie zwischen 9 und 9.20 Uhr im Auto haben. Da sie um diese Uhrzeit ganz gerne schläft, muss ich sie manchmal ein wenig wach halten, sodass sie dann die verhasste Autofahrt verschläft. Um 13 Uhr etwa ist Mittagsschlafzeit und es ist einfach Glück, dass ich dann mit ihr Zuhause ankomme und sie im Anschluss ins Bett kann. Hat das Mädchen aber nun einen eher schlechten Tag und die Schlafenszeiten verschieben sich, ist das zwar ungünstig, ändert aber nichts aber Tagesablauf.

Umgekehrt ist es so, dass es durchaus Zeiten gab und gibt, wo ich – oder eben der Mann – mit den Nerven am Ende bin. Besonders damals, als sie so schlimm an Bauchweh litt, 24/7 am Körper sein wollte, unruhig war oder schrie – irgendwann kam der Moment, an dem es nicht mehr ging. Sicherlich sind die persönlichen Grenzen ganz unterschiedlich gelagert, aber grundsätzlich hat sie jedes Elter. Ich für meinen Teil war und bin sehr froh darüber, dass dann der jeweils andere übernehmen kann. Wenn das Mädchen die Nacht zum Tag machte, schnappt sie sich oft der Mann am nächsten Morgen und lässt mich ausschlafen – ein Luxusgut, das nicht nur der Seele gut tut, Kraft gibt und mich dann wieder mit neuer Energie durchstarten lässt. Umgekehrt nehme ich sie ihm ab, wenn ich abends von der Vorlesung komme, er sie schon den ganzen Tag bespaßt und nun seit 2 Std. in den Schlaf begleitet hat, auch seine Nerven liegen dann blank und er ist froh wenn er einfach aufatmen kann.
Das sind Freiräume die wir uns gegenseitig schaffen. Dabei reicht es einfach zu wissen „Ich bin jetzt nicht mehr zuständig, das macht der andere“. Nach einem üblen Tag ist das sehr erleichternd.

Pflegeleicht oder -intensiv ~ Glück oder Verdienst?

Ich bin überzeugt davon, dass Kinder so sind, wie sie sind. Als Elter kann ich meine Kinder nicht formen und modellieren, wie es mir beliebt. Meine Aufgabe besteht lediglich darin sie zu leiten, an ihrer Seite zu sein und sie selbst ihren eigenen Weg finden lassen. Deshalb glaube ich auch, dass es pures Glück ist, ob (m)ein Kind ein pflegeleichtes, oder von der Sorte High-Need ist. Denn umgekehrt würde es andernfalls bedeuten (müssen) – Kausalitätskette – dass Eltern von High-Need-Kindern irgendwas falsch machen, die Bedürfnisse nicht genügend erfüllen und das Verhalten der Kinder die Antwort darauf ist und das kann einfach nicht sein.

Meine Töchter sind beide ziemlich pflegeleicht, auch wenn es immer wieder Zeiten gibt, in denen sich der Alltag schwierig gestaltet, dennoch sehe ich diese Einfachheit nicht als meinen Verdienst. Ich bin froh, dass ich zwei so pflegeleichte Töchter habe, weiß aber auch, dass z.B. ein drittes Kind diesbezüglich ganz anders ticken kann.

 

Von | 2016-01-11T19:30:56+00:00 Montag, 11. Januar 2016|Kategorien: Blogkram, Kinder, Kinder!|Tags: , , , |0 Kommentare

Über den Autor:

Die Alltagsheldin heißt im echten Leben Tanja, ist 31 Jahre alt und lebt mit dem einen Mann, ihren Kindern Nina (09/04), Lotte (05/15) und Jona (01/17) im Sauerland. Sie hat ihr Abitur nachgeholt, studiert nun was Soziales und jongliert zwischen Uni und der Familie - mal mehr, mal weniger erfolgreich.

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