mein bedürfnisorientiert Erziehen ist nicht Dein bedürfnisorientiert Erziehen

\mein bedürfnisorientiert Erziehen ist nicht Dein bedürfnisorientiert Erziehen

mein bedürfnisorientiert Erziehen ist nicht Dein bedürfnisorientiert Erziehen

  • Bedürfnisorientiert Erziehen - mein bedürfnisorientiert Erziehen ist nicht Dein bedürfnisorientiert erziehen

Bedürfnisorientiert Erziehen - mein bedürfnisorientiert Erziehen ist nicht Dein bedürfnisorientiert erziehen

Im Internet stoße ich immer wieder auf Diskussionen, was genau bedürfnisorientiert Leben in der Familie eigentlich bedeutet. Einige sind davon überzeugt, dass Stillen, Tragen und das Familienbett feste Bestandteile davon sind um eine gute Bindung zum Kind aufzubauen. Bedeutet das im Umkehrschluss wirklich, dass keine gute Bindung zustande kommen kann, wenn ein oder gar mehrere Punkte nicht eingehalten werden (können)? Was ist, wenn ich mein Baby nicht stille, es nicht gerne getragen wird und das Familienbett verabscheut? Ist das dann wirklich nicht bedürfnisorientiert?

Mittlerweile habe ich auch feststellen müssen, dass zu einem Leben unter dem Oberbegriff bedürfnisorientiert immer mehr hinzu kommt, was es für die meisten Eltern kaum noch erreichbar und/oder vertretbar macht. Baby-led-weaning (BLW), Kindergarten- und/oder Schulfrei, Unerzogen, ausschließliche Betreuung der Schwangerschaft bei der Hebamme, keine PDA oder andere Hilfsmaßnahmen unter der Geburt, die gewaltfreie Kommunikation, natürliche Geburt (Hausgeburt!), keine Impfungen und keine Vorsorgeuntersuchungen für das Kind – das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was mir in dem Bereich an Meinungen und Vorschriften so über den Weg gelaufen ist.
Viele Eltern fühlen sich direkt abgeschreckt, wenn sie den Kanon an Vorgaben sehen und denken „Bedürfnisorientiert? Nein, für mich ist das nichts.„. Und das ist wirklich schade, weil bedürfnisorientiert nicht an irgendwelchen Dogmen hängt!

In meinem Umfeld hingegen ist bedürfnisorientiert weitestgehend unbekannt. Bringe ich z. B. an der Uni in pädagogischen Seminaren das Thema ein, ernte ich skeptische Blicke und es wird als „neumodischer Kram“ abgetan. Bei anderen Eltern und im Freundeskreis sehe ich weder die Lebensweise, noch spricht jemand darüber.
Bedürfnisorientiert Erziehen - Babyhand

bedürfnisorientiert – die 7 Baby-Bs nach Sears

Doch was bedeutet bedürfnisorientiert im klassischen Sinne eigentlich?
Der amerikanische Kinderarzt William Sears hat den Begriff in seiner Arbeit geprägt und die 7 Baby-Bs erarbeitet. Wobei er grundsätzlich von einer harmonischen Kommunikation spricht und davon ausgeht, dass die Mutter die Signale des Babys lesen kann, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Die 7 Baby-Bs sind seiner Meinung nach wesentlich, basieren auf den biologischen Grundbedürfnissen des Babys und machen die Mutter wiederum sensibler dafür, diese zu erkennen und richtig zu deuten.

  • Körper- und Blickkontakt direkt nach der Geburt
    Sears geht davon aus, dass es ein kurzes Zeitfenster nach der Geburt gibt, in dem der enge Kontakt zur Mutter prägend und damit einer Bindung besonders zuträglich ist. Außerdem empfiehlt er, dass die Mutter auf sämtliche schmerzlindernde Maßnahmen während der Geburt verzichtet, weil diese auch das Kind betäuben und die Bindung behindern würden.
  • Stillen statt Flaschennahrung
    Für das Stillen sprechen, gleich mehrere Gründe: Zum Einen schüttet das Stillen Oxytocin aus, was zu einer emotional engeren Bindung ans Kind führen soll. Außerdem empfiehlt er das sehr häufige Anlegen eines Neugeborenen, weil die Hormone Prolaktin und Oxytocin im Körper schnell verfallen. Dieses häufige Anlegen soll der Bindung ebenfalls sehr zuträglich sein und dazu führen, dass die Mutter feinfühlig(er) für die Stimmungen ihres Babys wird. Zum Anderen ist Sears der Meinung, dass Kinder im ersten halben Jahr ausschließlich Muttermilch bekommen sollten, weil sie gegen alles andere allergisch seien. Seine Empfehlung ist, dass Mütter 1 bis 4 Jahre stillen sollten. Allerdings gibt es keine Studien, die darauf schließen ließen, dass gestillte Kinder eine engere Bindung zu ihren Müttern hätten, als ungestillte.
  • Tragen
    Durch das Tragen ist das Kind im ständigen, engen Kontakt mit der Mutter. Dadurch ist es im täglichen Geschehen eingebunden und vielen unterschiedlichen Reizen ausgesetzt. So ist die Mutter auch immer beim Kind und hat es ständig im Blick. Außerdem soll das Tragen den Gleichgewichtssinn und die Sprachentwicklung fördern. Auch Studien bestätigen, dass Tragekinder durch den engen Kontakt weniger weinen und sich besser beruhigen lassen.
  • Familienbett
    Das Familienbett habe gleich mehrere Vorteile: Zum Stillen ist die Mutter immer direkt vor Ort und kann bequemer stillen, das Risiko für den plötzlichen Kindstod wird gesenkt und es ist das nächtliche Pendant zum Tragen tagsüber, weil das Kind im ständigen, engen Kontakt mit der Mutter ist. Grundsätzlich aber sei jede Schlafsituation akzeptabel, die für die jeweilige Familie in passend ist.
  • Kein Schlaftraining
    Schlaftraining härtet die Mutter emotional ab und führt beim Baby nicht wegen eben diesem zu besserem Schlaf, sondern weil das Baby resigniert und apathisch wird. Zudem traumatisiert es die Kinder.
  • Signale des Babys beachten; nicht Schreien lassen
    Da das Schreien die einzige Ausdrucksmöglichkeit für das Baby ist, soll es so wenig wie möglich schreien. Im Gegenteil soll die Mutter lernen die unterschiedlichen Arten des Schreiens zu deuten und es so möglichst wenig dazu kommen lassen.
  • Balance zwischen den Bedürfnissen von Mutter und Kind
    Ein Leben nach dem bedürfnisorientiert Prinzip stellt eine weitaus größere Belastung für die Mutter dar, als andere übliche Erziehungsformen. Daher muss die Balance zwischen dem Erfüllen der Bedürfnisse gehalten werden. Dafür muss die Mutter vieles delegieren und sich so besser um das Baby, aber auch um sich selbst kümmern können. Wenn es aber zu einer Überlastung kommt, soll dennoch an der Methode festgehalten werden.

Das ist nur ein kurzer Abriss der ursprünglichen Gedanken. Natürlich lassen die 7 Baby-Bs auch Raum für Interpretationen und Spielraum. Es gibt mittlerweile viel Sekundärliteratur darüber, die Methode(n) wurden weiter entwickelt, in Frage gestellt, es gab (neuere) Studien und andere Punkte, die erforscht wurden.

Doch in Diskussionen fällt mir dennoch immer wieder auf, wie dogmatisch die bedürfnisorientierte Lebensweise oft dargestellt wird.
Ich lese, dass kindliche Ansprüche als Bedürfnis gelten, mütterliche allerdings als Wunsch abgetan und klein geredet werden. Dabei ist auch und gerade der letzte Punkt – die Balance der jeweiligen Bedürfnisse – ein wichtiger. Wie soll eine Mutter, die ihre Bedürfnisse dauerhaft hintenan stellt noch feinfühlig genug sein, um die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und richtig zu deuten? Kaum vorstellbar, dass das dauerhaft möglich ist!
Ich lese, dass Müttern gesagt wird, eine enge Bindung sei ohne die exakte Einhaltung der von Sears aufgestellten Thesen nicht möglich. Warum wird hier nicht auch um die Ecke gedacht? Wenn ich meinem Baby die Flasche gebe, nachdem ich alle Anzeichen für Hunger erkannt und richtig gedeutet habe, soll das nicht an den Bedürfnissen des Babys orientiert sein? Wenn ich es im Kinderwagen schiebe, aber immer im Blick habe und direkt reagiere, wenn es den Anschein erweckt, dass es sich unwohl fühlt, soll das nicht an den Bedürfnissen des Babys orientiert sein? Wenn ich das Baby zwar per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht, aber alsbald es möglich war direkt gekuschelt habe, soll das nicht bedürfnisorientiert sein? Really?

bedürfnisorientiert Leben in der Praxis

Schon vor Lottes Geburt beschäftigte ich mich eingehend mit dem Thema. Alleine schon, weil ich wissen wollte, ob all die Dogmen, die mir so über den Weg laufen, wirklich zwingend sind, um eine gute Bindung zum Kind aufzubauen. Und ich hatte zunächst Angst und war verunsichert. Was ist denn, wenn es doch keine natürliche Geburt würde? Wenn das Stillen nicht klappt? Wenn das Baby nicht im Familienbett schlafen und getragen werden mag? Habe ich dann echt verloren und kann die Bindung zu meinem Baby abhaken?

Ich habe das ein oder andere Buch gelesen und musste feststellen: Ganz so dogmatisch, wie es oft dargestellt wird, ist es überhaupt nicht! Liest man Sears sorgfältig so wird schnell klar, worum es eigentlich geht. Es geht darum, für das Baby da zu sein, ihm ein geborgenes Aufwachsen zu ermöglichen. Es geht darum seine Bedürfnisse zu erkennen und sie zu stillen, wann immer das nötig ist. Natürlich ist Stillen dem zuträglich. Selbstverständlich macht es das Familienbett einfacher. Klar, dass das Tragen tagsüber besser mit dem Alltag vereinbar ist. Selbstredend soll ein Baby möglichst wenig schreien und kein Schlaftraining durchmachen müssen. Zweifellos!
Bedürfnisorientiert Erziehen - auch mit Flaschennahrung

Dogmen – sie machen so viel kaputt

Doch es ist sehr kurz gedacht, wenn man Eltern vorwirft, sie könnten keine enge Bindung zum Kind aufbauen, wenn sie bedürfnisorientiert nicht nach allen Dogmen leben.
Nicht bei jeder Mutter klappt das Stillen. Trotzdem kann sie feinfühlig sein und auf die Bedürfnisse des Babys eingehen. Nicht für jede Familie ist das Familienbett optimal. Trotzdem heißt es nicht im Umkehrschluss, dass das Baby die ganze Nacht alleine im Gitterbett verbringt und sich dort die Seele aus dem Leib brüllen muss. Nicht jede Mutter kann oder will das Baby tragen. Trotzdem kann das Baby im Alltag überall dabei sein und am Geschehen teilnehmen. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Das Leben ist bunt, vielfältig. Was für die eine Familie optimal ist, kann für die andere völlig ungünstig sein. Dennoch können beide Familien – auch bei ganz unterschiedlichem Handling – bedürfnisorientiert leben.

Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, haben Angst keine Bindung zu ihrem Baby aufbauen zu können, weil sie es nicht direkt nach der Geburt auf dem Bauch liegen haben konnten. Manchmal müssen Babys direkt nach der Geburt intensivmedizinisch versorgt werden. Auch hier erleben Mütter die selben Ängste. Andere können – oder wollen – nicht stillen und werden kritisiert, weil sie ganz gewiss keine gute Bindung werden aufbauen können. Sie übernehmen diese Ansichten, weil sie ihnen überall eingeimpft werden.

Es gibt kein besseres oder schlechteres bedürfnisorientiert Leben. Jede Lebensweise ist gut, solange das Baby geliebt wird und es fühlt. Solange es geborgen aufwächst, ernst genommen wird. Da ist es völlig egal, wo es schläft, was es trinkt und wie es  transportiert wird. Wichtig ist nur, dass seine Signale verstanden und Bedürfnisse gestillt werden. Auf welchem Weg auch immer.

Und wir – bedürfnisorientiert oder nicht?

Anfangs befürchtete ich, wir würden den Optimalverlauf nie erreichen. Wie denn auch? Lotte kam per Kaiserschnitt zur Welt. Das Stillen hat nicht geklappt. Wenn ich sie aus dem Beistellbett zu uns holte, wurde sie unruhig und fand nicht in den Schlaf. Schon drei obligatorische Parameter also, die uns fehlten! Noch mehr verunsicherte es mich, als ich das in einer Facebook-Gruppe für bedürfnisorientierte Erziehung zugegeben habe und dafür Hohn und Spott erntete.
Wäre ich eine junge, verunsicherte Mutter gewesen, hätte mich das vermutlich in tiefe Selbstzweifel gestürzt. Weil ich aber wusste, wie oft Mütter mit Dogmen konfrontiert werden, die so noch nicht einmal stimmen, verließ ich die Gruppe einfach nur.

Doch trotz allem weiß ich mittlerweile sicher, dass wir sehr wohl bedürfnisorientiert leben. Es wäre völlig gegen Lottes Bedürfnis, sie zu uns ins Familienbett zu holen, wenn sie es gar nicht leiden kann. Sie kuschelt gerne bei uns im Bett, möchte aber in ihrem eigenen schlafen. Jona hingegen liebt es in meinem Arm zu schlafen und so erfülle ich sein Bedürfnis wann immer ihm danach ist. Während Lotte Tragen ganz random mal gut und mal zum Brüllen fand, wechselte ich entsprechend. Genauso handhabe ich es mit Jona. Er aber mag Tragen bisher meistens gerne und ist oft bei mir oder meinem Mann in der Trage.

Jede Familie muss ihren Weg finden. Den Weg, der für sie am gangbarsten und für alle Beteiligten der beste ist. Und der ist für jede Familie ein anderer.

Von | 2017-10-01T23:04:00+00:00 Donnerstag, 8. Juni 2017|Kategorien: Kinder, Kinder!, Seelentherapie|Tags: , , |2 Kommentare

Über den Autor:

Die Alltagsheldin heißt im echten Leben Tanja, ist 31 Jahre alt und lebt mit dem einen Mann, ihren Kindern Nina (09/04), Lotte (05/15) und Jona (01/17) im Sauerland. Sie hat ihr Abitur nachgeholt, studiert nun was Soziales und jongliert zwischen Uni und der Familie - mal mehr, mal weniger erfolgreich.

2 Kommentare

  1. Muriel 30. Juni 2017 um 07:55 Uhr - Antworten

    Ich möchte mal den Alltag dieser perfekt-bedüfnisorinetierten Mamas miterleben. Ich glaube, da merkt man schnell, wie wenig da eigentlich perfekt läuft.
    Mein Sohn kam per Notkaiserschnitt. Leider. Die ersten Stunden war er bei Papa. Klar ist das traurig für mich, aber ich denke, es hat eher die Bindung der beiden gestärkt, als dass es unserer etwas getan hat. Oder sollte ich mir besser mein Leben lang Vorwürfe machen, dass ich offensichtlich zu doof war, mein Kind normal zu bekommen? Sicherlich nicht!
    Glücklicherweise hat mir da noch keine Übermutti etwas anderes einzureden versucht. Einige sehen wirklich nur ihre kleine Welt und sind so furchtbar engstirnig. Bah!

  2. […] vom Mädchen im Farbregen und schrieb ausführlich über ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt: bedürfnisorientierte Erziehung. Zu guter Letzt kam – mit etwas Verspätung – der Entwicklungsbericht zu Jonas 5. […]

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