Grenzen, Entwicklung und ein Pulverfass | 30 Monate Lotte

\Grenzen, Entwicklung und ein Pulverfass | 30 Monate Lotte

Grenzen, Entwicklung und ein Pulverfass | 30 Monate Lotte

  • Grenzen, Entwicklung und ein Pulverfass | 30 Monate Lotte

Zwei einhalb Jahre ist Lotte nun bei uns. Zwei einhalb Jahre, in denen sich sehr viel getan hat, in denen wir sie kennen lernen und bei ihrer Entwicklung begleiten durften. Das letzte halbe Jahr empfand ich ehrlich gesagt als das anstrengendste. Niemals zuvor habe ich geglaubt, dass mich ein Kind so viele Nerven kosten könnte. Und ich habe mir niemals vorstellen können, wie ambivalent ein Tag verlaufen kann. Wie schnell das Pulverfass aus überschäumender Wut in unbändige Liebe umschlagen kann. Verrückt.

Basics – Zahlen, Daten, Fakten

Die Daten der U7 sind natürlich längst überholt. Aktuell ist Lotte 98,8 cm groß und wiegt dabei immer noch ca. 15 kg. Sie ist im letzten halben Jahr also 10 cm gewachsen, hat aber nicht zugenommen. Nach wie vor trägt sie Kleidergröße 98/104, hat nun aber Schuhgröße 26.
Im letzten halben Jahr sind weitere 4 Zähne hinzu gekommen, sodass sie nun insgesamt 20 hat.

Lotte isst – matschen, schmieren, eskalieren

Beim Thema Essen muss ich leider immer wieder Seufzen. Lotte isst an sich alles und das ziemlich gut, hier haben wir keinerlei Probleme. Sie mag Süßes genauso gerne wie Gesundes, kann tonnenweise Pilze, Gurken, Paprika, Mango, Kiwi, Bananen und Anderes essen.
Ein Problem sind aber die Mahlzeiten an sich. Nach wie vor matscht sie. Extrem. Aufstriche verschmiert sie auf dem Tisch, reibt sie sich in die Haare und ins Gesicht. Getränke verschüttet sie gerne und patscht darin herum. Sie kippelt, krabbelt auf den Tisch, schreit und zetert.

Bisher haben wir dafür keine Lösung gefunden. Offensichtlich langweilt sie sich zwischen den Bissen und nutzt die Zeit dann für Unfug. Sie muss nicht sitzen bleiben, bis alle fertig sind und sie muss sich auch nicht streng nach Knigge verhalten. Sie darf aufstehen, sobald sie mag und sie darf dann auch nochmal an den Tisch zurück kommen, um etwas zu essen. Das nutzt Lotte aber selten bis gar nicht und wenn sie doch mal früher aufsteht, stört und ärgert sie alle Anderen am Tisch. Ich wünsche mir einfach nur harmonische(re) Mahlzeiten, die weniger laut, hektisch und sauig sind. Aber das scheint momentan einfach nicht möglich zu sein.

Quasseltante – Lotte spricht

Grad in den letzten Wochen machte Lottes Sprache nochmal einen gewaltigen Sprung. Neben dem allgemeinen Gequassel stellt sie nun auch gezielte Fragen. „Mama, warrum ist Jona schon wach?“, „Mama, wo ist Papa?“, „Mama, was ist das?“, „Mama, wo sind die Ferde?“, „Mama, darf ich Cäsa ein Leckchen (Leckerli) geben?“. Umgekehrt versteht sie aber nicht was ich möchte, wenn ich eine „Warum“-Frage stelle. Meist antwortet sie einfach mit „Ja“ oder wiederholt die Frage noch einmal.
Ich bin beeindruckt von der so oft korrekt verwendeten Grammatik und bekam auch aus dem Kindergarten die Rückmeldung, dass sie das schon ziemlich gut macht. Singular und Plural nutzt sie richtig, sie setzt die richtigen Artikel ein und überhaupt kann man sich total gut mit ihr verständigen.

Der Frust zum Verständnis ist eigentlich kaum noch da, weil sie gut verstehbar ist. Auch für Außenstehende.
Problematisch ist nur, dass sie häufig am Daumen nuckelt und das Gesagte in die Hand nuschelt. Dann muss ich sie darum bitten das nochmal ohne Daumen im Mund zu wiederholen.

Lotte macht

Nach wie vor erstaunt Lotte mich immer wieder. Sowohl positiv, als auch negativ.
Sie hilft umheimlich gerne im Haushalt. Kochen, Backen, Wäsche waschen, Staub saugen, den Tisch decken – da muss sie immer dabei sein und mindestens helfen, am liebsten aber „SELBA!“ machen.

Motorisch hat sich seit dem Eingriff im Knie einiges getan: Sie hüpft, rennt, turnt, klettert, macht Purzelbäume und ist eigentlich ständig unterwegs. Auf der anderen Seite macht mir das erneute Humpeln auch wieder Sorgen und ich hoffe inständig, dass wir bald genauer wissen, was bei ihr da los ist. (Kurz dazu: Zwar waren die Blutergebnisse unauffällig und wir besprachen mit der Ärztin die Medikamente abzusetzen. Aber nun humpelt sie nochmal deutlich mehr, sodass ich davon ausgehe, dass unser bisheriger Weg im Kinderkrankenhaus erst der Anfang ist.)

Auch im Sommer zeigte sich, wie sehr sie das Draußen-sein liebt: Planschen, im Sandkasten buddeln, schaukeln oder lange Spaziergänge im Wald – das alles macht sie unheimlich gerne. Noch lieber aber hilft sie im Garten. Blumen gießen, Bäume einpflanzen, Rasen mähen, Unkraut jäten – da ist sie immer direkt mit Herzblut dabei und kann gar nicht aufhören.

7 Monate Jona - Beikoststart, der 1. Zahn, Robben und Lachen

Lotte unterwegs

Ausflüge mit Lotte sind sowohl entspannt, als auch anstrengend. Entspannt, weil sie sehr gerne unterwegs ist, Neues entdeckt und lernt und jedes kleine Detail sieht, benennt oder erklärt bekommen möchte. Anstrengend, weil sie einen sehr starken eigenen Willen hat und es immer, immer, IMMER nach ihrem Kopf gehen muss. Ist das nicht der Fall, klinkt sie völlig aus. Sie brüllt, schlägt um sich, tritt, schmeißt Dinge herum und all sowas. Das passiert auch unterwegs häufig – klar – und ist dann eben anstrengend.
Da wir unsere Lotte aber mittlerweile kennen und wissen, was sie braucht, können wir damit (meistens) gut umgehen. Sie braucht immer die Möglichkeit alles selbst machen zu dürfen, sie muss rennen, hüpfen und springen können, sich auspowern eben.

Überhaupt ist sie unterwegs entspannter als zuhause. Sie kooperiert mehr, lässt sich Dinge erklären und akzeptiert sie (z. B. dass sie an der Hand gehen muss, wenn wir an einer viel befahrenen Hauptstraße sind, dass sie die Löwen nicht streicheln darf, etc.).

Im Auto fährt sie generell gerne mit. Wenn jemand irgendwohin will, möchte sie unbedingt dabei sein. Einkaufen, jemanden abholen, in die Stadt – das sind für sie keine Schreckgespenster, im Gegenteil. Sie genießt den Ausblick aus dem Reboarder und erzählt viel darüber, was sie sieht. Nur ein- und aussteigen sind manchmal schwierig, weil sie das – natürlich auch – selbst machen möchte und sich dabei verliert. Wenn ich grad nicht alle Zeit der Welt habe, ist das halt blöd.

Einmal unterwegs ist sie in der Regel guter Dinge, solange niemand neben ihr sitzt. Dann möchte sie nämlich Dauerbespaßung haben und wenn der Nebenmann mal nicht auf sie achtet, kommt wieder das Pulverfass zu Tage – sie tritt gern mal zu. Das ist ziemlich blöd und macht Fahrten mit der ganzen Familie sehr unangenehm. Zwar haben wir noch einen 6. und 7. Sitz, aber dann kann kein Kinderwagen mit und… ach. Es ist blöd halt.

Sandwichkind – kleine und große Schwester

Als Schwester ist Lotte momentan eher schwierig.

Nina gegenüber ist da einmal unbändige Liebe und große Vermissung, wenn sie mal nicht da ist. Aber da ist auch zanken, schreien, hauen und anderes, was Nina dann wieder flüchten lässt. Meist nimmt sie sie direkt ein, will vorgelesen bekommen, mit ihr spielen und eben beschäftigt werden. Möchte Nina das aber nicht (mehr) oder macht etwas anders, als Lotte es sich vorgestellt hat, flippt sie eben aus. Oft sind es auch nur Kleinigkeiten. Zum Beispiel: Lotte sitzt auf Sessel1, Nina kommt rein und setzt sich auf (den identischen) Sessel2. Lotte springt auf, rast rüber und fängt an Nina zu schubsen, treten, hauen und „Niiich, ich wollte diesen Sessl!“ brüllen. Nina flüchtet, weil sie darauf keine Lust hat, in ihr Zimmer. Hmpf.

Jona gegenüber scheint da grad ganz große Entthronung zu herrschen. Egal was er macht – und wenn er sie nur ansieht! – sie brüllt ihn ständig an „Neeeein, nich Jona!“. Das ist oftmals zermürbend und ich bin mir nicht sicher, wie wir damit umgehen sollen. Bitte ich sie, nicht so laut zu schreien, sagt sie „Ja.“ und schreit direkt weiter. Ignoriere ich sie, habe ich Jona gegenüber ein schlechtes Gefühl, weil er die ganze Zeit so angebrüllt wird. Außerdem fängt er häufig zu weinen an, weil ihm das zu laut und zu viel ist. Seufz.
Oft wechseln sich ihre Launen ganz unberechenbar ab. Erst flippt sie aus, weil er ihr Bein berührt hat und tritt ihn weg. Im nächsten Moment zeigt sie ihm, was im Buch abgebildet ist und erzählt die Geschichte dazu, nur um ihn dann kurz darauf wieder wegzuschubsen.

Wie gesagt, es ist schwierig und ich hoffe, dass sich diese Phase bald legt, vermute aber, dass das so ein typisches Geschwister-Ding ist, das uns länger erhalten bleibt.

Kindergartenkind – Lotte fremdbetreut

Seit Ende August ist Lotte Kindergartenkind. Mittlerweile bleibt sie bis nachmittags, wobei ich sie versuche nicht all zu spät abzuholen. Immer davon abhängig, wann Jona nach seinem 2. Schläfchen wach wird.

Im Kindergarten macht sie sich gut, ist aber generell eine ruhige Person. Sie spielt vor sich hin, steht auch mal im Raum, schnuffelt (Kuscheltuch in der Hand und Daumen im Mund) und sieht sich um.

Aktuell ist das Abgeben morgens wieder mit Tränen verbunden, die aber recht schnell wieder getrocknet sind. Ich denke, sie kann das Verabschieden an sich einfach noch ganz schlecht und es fällt ihr schwer, mit der Trennung umzugehen, wenn sie grad ansteht. Danach ist alles gut. Sie fühlt sich dort wohl und spielt. Nachmittags will sie nicht mit nach Hause und kann sich schwer aus dem Kinderhaus lösen, fängt ständig neue Spiele an.

Das Feedback der Erzieherinnen ist immer positiv. Sie fügt sich ein, macht mit. Ein paar Mal ist sie auch dort ausgerastet, aber die Erzieherinnen mussten gar nicht eingreifen, das klärte sich unter den Kindern selbst. Ein Kind sagte zu ihr „LOTTE, das ist mir aber viel zu laut!“ und dann war gut – ganz Montessori-Getreu eben. Zuhause funktioniert das allerdings nicht. 😉

Da sie im Kindergarten so gut, viel und lange kooperiert denke ich, dass das der Knackpunkt ist, wieso es zuhause so krass mit ihr ist. Zuhause ist die Basis, der sichere Hafen, an dem sie ihre Gefühle komplett ausleben kann und weiß, dass sie trotzdem geliebt und akzeptiert wird. Das muss ich mir nur immer wieder sagen, um die Nachmittage auch zu überstehen.

7 Monate Jona - Beikoststart, der 1. Zahn, Robben und Lachen

kurz notiert:

  • große Daumenliebe

  • Kuschelkind

  • sehr Mama-fixiert

  • liebt Oma & Opa abgöttisch

  • schläft seit einigen Monaten im eigenen Zimmer

  • liebt vorlesen

  • geht gerne schwimmen

  • malt und benennt was es ist

  • liebt Tiere

  • wird oft nicht gern fotografiert

  • hat schulterlanges Haar und liebt Zöpfe

  • cremt sich gerne ein

  • kann selbst Hände waschen und abtrocknen – manchmal ohne Pfütze 😉

  • (er)kennt die Farben rot, grün, blau, gelb, pink, schwarz, weiß, orange

  • spricht vorwiegend in der 1. Person von sich

  • singt manchmal kurze Absätze

  • erkennt Geschlechterunterschiede und wünscht sich Körperteile wie der Bruder

Dreifachmama – ein Pulverfass bändigen

Vor Lotte hab ich niemals geglaubt, wie stark ein Kind charakterlich sein kann. Wie sehr sich Kinder unterscheiden, das sah ich schon an Freundinnen von Nina. Dennoch dachte ich immer, ich hätte alles „richtig“ gemacht, weil Nina so ist, wie sie ist. Heute weiß ich, wie falsch ich damit lag. Anfangs versuchte ich bei Lotte vieles genauso zu machen, wie bei Nina, merkte aber schnell, dass das nicht geht. Weil Lotte nicht Nina ist. Weil Lotte ganz, ganz anders ist.

An manch einem verzweifelten Abend fragte ich mich, ob ich noch Kind 2 und 3 bekommen hätte, wenn Lotte mein erstes Kind gewesen wäre. Ich weiß es nicht. Sie fordert. Immer und extrem. Sie steht im Mittelpunkt, sie will Aufmerksamkeit und wenn sie sie nicht bekommt, macht sie etwas verbotenes. Davon gibt es nicht viel, aber sie findet immer etwas.
Beispiele: Wenn ich mich 5 Minuten mit dem Mann unterhalte (Nachdem ich 3 Stunden mit Lotte alleine Duplo gespielt habe und sie die volle Aufmerksamkeit für sich alleine hatte!), schubst sie Jona um. Wenn ich mit ihr alleine einkaufen war, es total harmonisch gewesen ist und wir richtig viel Spaß hatten und ich beim nach Hause kommen auf dem Hof 2 Minuten mit Frau Schwiegermutter rede, rennt sie auf die Straße. Wenn Nina nach der Schule nach Hause kommt und mir beim Mittagessen etwas erzählen möchte, fegt sie ihren Teller – komplett gefüllt – vom Tisch. Ich könnte ewig so weiter erzählen…

Natürlich liebe ich dieses mittelgroße Bündel Energie dennoch abgöttisch. Sie hat Humor, ist wissbegierig, kann unheimlich niedlich grinsen und verschmitzt gucken. Ihre Fragen können mich zum Schmelzen bringen und ihre Liebe zum Kuscheln ist oft überschwänglich. Es macht Spaß mit ihr zu spielen und ihre Sicht auf die Welt zu entdecken.

Trotzdem ist es oft anstrengend, ihre Bedürfnisse und die meiner anderen beiden Kinder unter einen Hut zu bringen. Auch Jona will mal kuscheln und braucht Aufmerksamkeit. Auch Nina möchte mal etwas erzählen und will wahrgenommen werden. Aktuell hoffe ich sehr, dass es einfach nur eine schwierige Phase ist. Dass es mit dem 3. Geburtstag vorbei ist mit dem „Terrible Two“ und es einfacher wird. Wir werden sehen.

Von | 2017-11-14T23:03:42+00:00 Mittwoch, 15. November 2017|Kategorien: |, Kinder, Kinder!|Tags: , , , |0 Kommentare

Über den Autor:

Die Alltagsheldin heißt im echten Leben Tanja, ist 31 Jahre alt und lebt mit dem einen Mann, ihren Kindern Nina (09/04), Lotte (05/15) und Jona (01/17) im Sauerland. Sie hat ihr Abitur nachgeholt, studiert nun was Soziales und jongliert zwischen Uni und der Familie – mal mehr, mal weniger erfolgreich.

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